Berlusconi, Italien heute, Europa & Trump ... 

Der historische Roman wurde nicht wie Venus aus Schaum, sondern aus einer belauschten Unterhaltung geboren. Der kurze Wortwechsel eines italienischen Paares in seinen späten Fünfzigern fand Anfang Oktober 2016 im Frecciarossa von Florenz nach Rom statt. Beide lesen im Corriere della Sera. Silvio Berlusconi war am Tag zuvor aus dem Senat entlassen worden.

“Der Cavaliere ist zurück. Er erinnert mich an einen Senator.”

Mah, das war er doch auch einmal.”

“Nein, ich meine einen Senator in der Antike. Einer in der weißen Toga und ohne einen Rest Moral, aber mit soviel Geld und Macht, um damit nur noch Unheil anzurichten.”

“Aber Italien ist nicht das alte Rom. Obwohl, wenn ich an Europa denke; und was die anderen dort von der Politik hier wohl halten … Und seinen Frauengeschichten.”

“Hurengeschichten, meinst du.”

Aus diesem Kern – und den Verstrickungen von Donald Trump in den USA – sind die Thriller mit der jungen weiblichen Protagonistin Rahel (Victoria) voll mediterraner Emotion und Hoffnung entstanden. Weiteres Personal: ihr Vater Publius Victorius, der Agent des Kaisers Dacius Maximus und der antagonistische Senator Narcissus Molitor Pletorius (grob übersetzt der 'selbstverliebte, wendige Senator, der nie genug bekommen kann'). Begonnen wurde der erste Band in Rom November 2016 und im Dezember 2017 in Berlin zu Ende gebracht. Band II ist im März 2018 auf Seite 100 angelangt.

Der historische Roman spielt zu einer Zeit, in der natürlich andere politische und soziale Spielregeln als heute galten. Das römische Reich der Hohen Kaiserzeit in den Jahren 146/47 u. Z. unter Antoninus Pius und Mark Aurel war dem heutigen Europa dennoch in einigen Aspekten ähnlich: im Inneren halbwegs friedlich, mit extremen Unterschieden zwischen Arm und Reich, Reibereien an den Grenzen, von einem allmächtigen Beamtenapparat durchdrungen, einigermaßen tolerant in religiösen Fragen und von extremen politischen Kräften – im alten Rom von Verschwörungen und Aufständen – immer wieder vor die Zerreißprobe gestellt. Und als ob es eine Regel wäre, dass die barbarische Realität die Fiktion eines (in diesem Fall sogar historischen) politischen Thrillers einholt, gibt es – neben dem inspirierenden Gespräch des gebildeten Paares über Berlusconi – einen aktuellen Bezug von VR. Es ist die politisch motivierte Entführung von mehr als zweihundert Schulmädchen in Nigeria im Frühsommer 2014 durch die islamistische Sekte Boko Haram und der angedrohte Verkauf der Geiseln "auf dem Sklavenmarkt."

Einige literarische Leitbilder sind Robert Harris' Romane Pompeji, Imperium & Lustrum (2003-2009), Lindsay Davis' The Ides of April (2013). Besonders nah ist mir Lion Feuchtwangers Der falsche Nero (1936) Der Roman lässt sich heute auf (mindestens) zwei Arten lesen: Kritisch-vergleichend, die Köpfe des Hitler-Regimes als Vorlagen der Romanfiguren vor Augen; oder ‚nur’ als historischen Roman, der eine (frei erfundene) Intrige der Antike beschreibt. Die gute Geschichte lässt die politische Allegorie in den Hintergrund treten, jedoch durch geschickt gestreute Details immer wieder aufscheinen. Dieses Oszillieren fasziniert mich, vielleicht konnte ich es in Victorias Rache streckenweise umsetzen. 

Die Städte Rom, Ostia und Portus, das Landgut der Antonine in Lorium und die Straßen von Latium sind historisch. Eingefügt wurde in diese antike Landschaft die befestigte Villa auf dem fiktiven Krähenhügel (‚Corvis Mons‘) nahe der Via Portuensis (heute: Via Portuense). Dieses finstere Anwesen könnte am erhöhten Ort des festungsartigen Wohnbauprojekts Nuovo Corviale am heutigen Stadtrand von Rom gelegen haben. Auch sind die beschriebenen staatlichen und militärischen Organisationen den tatsächlichen Einrichtungen nur nachempfunden, die im 2. Jahrhundert Polizei-, und Geheimdienstaufgaben wahrnahmen. Beschrieben werden keine historisch belegten Einsätze der römischen Marine, der Stadtgarnison und der Vigiles von Ostia, der Prätorianergarde und der Frumentarii (Boten, Kundschafter und Agenten) von Rom  – es wurde aber dafür gesorgt, solche Aktionen so lebendig und korrekt wie möglich zu gestalten, unter Verwendung aktueller und älterer Fachliteratur, sowie mit Hilfe der fundierten Beratung eines Althistorikers.