Historische Einführung

Aus den dreiundzwanzig Jahren der Regierungszeit des Antoninus Pius ist nur wenig überliefert. Alle heute von der Forschung für die Zeit von 138 bis 161 unserer Zeitrechnung (nach Christus) anerkannten Fakten füllen wenige Seiten. Dennoch scheint es mir möglich, daraus ein lebendiges Bild der hohen Kaiserzeit zu schaffen.

- Das goldene Zeitalter

Die Lage des Imperiums

Der Kaiser persönlich

Das Gesetz

- Die Spiele

- Die Rechte der Frauen 

- Der Glaube

- Verschwörungen

Das Goldene Zeitalter

Es ist Spätherbst geworden im Jahr 899 nach der Gründung Roms. Es ist das Jahr 146 unserer Zeitrechnung (nach Christus). Nur noch wenige Monate, bis Kaiser Antoninus Pius die Feierlichkeiten zum neunhundertsten Jahrestag eröffnen will. Die Bürger der Millionenmetropole erwarten von ihm bombastische Spiele im Kolosseum, hochkarätige Wagenrennen im Circus Maximus, lustige Komödien in den Theatern, großzügige Geschenke und erhöhte Weizenzuteilungen. Es kommen Gäste aus allen Provinzen des Imperiums, dazu ausländische Delegationen. Antoninus Pius wird nach diesem Millennium noch weitere dreizehn Jahre regieren, obwohl er, nach Meinung mancher Historiker, von seinem Vorgänger Hadrian nur zum adoptiert und zum Kaiser gemacht wurde, um als Übergangsherrscher vor Marus Aurelius (Mark Aurel) und Lucius Verus zu dienen. Dafür spricht das reife Alter von einundfünfzig Jahren, in dem Pius 138 n. Chr. von Hadrian adoptiert, zum Cäsar ernannt, und mit den Titeln Augustus und Imperator versehen wurde. Pius adoptierte dann seinerseits – auf Hadrians noch zu Lebzeiten ausgesprochene Anweisung – Marcus Aurelius und Lucius Verus. So erbte Pius mit dem Amt auch die Aufgabe, die beiden jungen Männer auf die Herrschaft über das enorm ausgedehnte Reich vorzubereiten. Er regelte die dynastischen Fragen sehr bald auch nach eigenem Sinn und verheiratete im Jahr 145 n Chr. seine Tochter Annia Galeria Faustina mit dem von ihm bevorzugten Marcus Aurelius. Ansonsten blieb Pius dem klugen Plan einer Doppelherrschaft treu. Auch folgte er den bewährten Regeln des Adoptivkaisertums, das mit Nerva 96 n. Chr. begann und nach kaum 100 Jahren mit Commodus’ Ermordung 192 n. Chr. zu Ende ging – dem angeblich leiblichen, und zum Regieren eher unfähigen Sohn von Marus Aurelius.

Die gut fünfzig Jahre Herrschaft der Dynastie der Antonine Antoninus Pius, Marcus Aurelius, Lucius Verus und auch noch Commodus werden das Goldene Zeitalter genannt. Es war eine Blütezeit von Kunst, Literatur, Recht und Verwaltung, aber auch ein Zeitalter der dramatischen sozialen und politischen Veränderungen. Diese führten zur Entwürdigung der Herrschaftsform des Prinzipats, denn kurz nach Commodus’ gewaltsamen Ende in einem überstürzten Komplott wurde das Kaiseramt im Jahr 192 von der Prätorianergarde an den Meistbietenden versteigert. Auch wenn sich Rom von dieser Schmach unter einigen der nachfolgenden Herrscher zeitweise erholen konnte, war dieser Machtwechsel doch ein Vorzeichen des politischen Verfalls, der im frühen Mittelalter im Zusammenspiel mit vielen weiteren Faktoren zum Niedergang des römischen Reichs im Westen Europas und anderen Teilen führte.

 

Die Lage des Imperiums

Die Verwerfungen der Machtverhältnisse im Innern des gigantischen Reichsgebiets und an seinen ausgefransten Rändern waren schon unter Antoninus Pius zu spüren. Nur wenige Jahre nach seinem friedlichem Tod 161 auf dem Landgut in Lorium brach ein heftiger Ansturm über die nördlichen Grenzen los. Noch dazu wurde der Osten von den Parthern angegriffen, die den Krieg gegen Rom schon zu Pius’ Regierungszeit vorbereitet hatten. Diese Wellen der Aggression und die damit verbundene Kriegsführung bestimmten die neunzehn Jahre der Herrschaft des zum philosophieren neigenden Marcus Aurelius (Wie er dabei zum Schreiben seiner „Selbstbetrachtungen“ kam, ist mir ein Rätsel).

Es wird spekuliert, dass Antoninus Pius nur auf den inneren Frieden – seiner selbst und den des Reiches – bedacht war. Die vor dem Limes und im Osten lauernden Gefahren nahm er vielleicht nicht ernst genug. Oder er wollte sie nicht wahrhaben, die Nachrichten von ganzen Völkern, die hinter den römischen Schutzwällen und Kastellen zu wandern begannen und sich untereinander gegen Rom verbündeten. Diese Politik wirkt direkt bis ins 20. Jahrhundert hinein, folgt man den – streitbaren, aber auch anregenden – Ausführungen von Michael Grant in seiner Einleitung zu „The Antonines. The Roman Empire in Transition“ (Die Antonine. Das römische Imperium im Wandel, London 1994):
„Es wäre mit Sicherheit wesentlich zufriedenstellender gewesen, wenn Germanien dem römischen Imperium einverleibt worden wäre, und es gibt durchaus Grund zu mutmaßen, dass dieser Schritt seinen Fall im fünften Jahrhundert verhindert, oder zumindest aufgeschoben hätte – wenn uns dadurch nicht sogar die Weltkriege des gegenwärtigen Jahrhunderts erspart geblieben wären.“ 

Hadrians Vorgänger Trajan hatte seine Kundschafter und Legionen, gefolgt von Händlern und Siedlern, weit in andere gefährliche Gebiete hineingeschickt. Seine Truppen unterwarfen in zwei blutigen Kriegen das goldreiche Dakien nördlich der Donau. Aus der enormen Beute wurde das Trajansforum mit der imposanten Säule finanziert, deren Steinreliefs bis heute wie ein Bilderbuch von den Feldzügen berichten. Hadrian gab dann klugerweise einige der schwer kontrollierbaren Gebiete wieder auf und festigte die Grenzen. Antoninus Pius hütete sich davor, das ächzende Gebilde weiter auszudehnen, das aufgrund der großen Distanzen unter Kommunikationsproblemen litt. Statt dessen perfektionierte er den Verwaltungsapparat. In allen Angelegenheiten des Rechts und der Steuern galt Pius als sehr penibel. Über jedes Detail wurde er von seinen zahlreichen Beamten und Beratern persönlich unterrichtet, viele nannten ihn den „Kümmelspalter“.

 

Der Kaiser persönlich

Kaiser Antoninus Pius war mit seinem gepflegten Vollbart ein attraktiver Mensch, den schriftlichen Quellen, Münzen und Statuen zufolge. Eine der besten Porträtbüsten von ihm steht in der Münchner Glyptothek. Sie zeigt Pius mit eindringlichem, gleichzeitig verständnisvollem Blick und angedeutetem Militärumhang. Im gleichen Saal befindet sich ein gleichwertiges Bildnis von Marus Aurelius. Fast nackt und in heroischer Pose (der Umhang bedeckt nur noch die Schulter) kann man Antoninus Pius im Palazzo Massimo des Nationalmuseums von Rom betrachten, der Sammlung antiker Kulturschätze gleich neben dem Bahnhof Termini.

Pius verließ in seiner Regierungszeit Italien nie und regierte oft von einem der beiden Landsitze seiner Familie in den Ortschaften Lorium und Lanuvium im Latium aus. Lorium lag an der Via Aurelia etwa 12 Meilen nordwestlich von Rom. Das Anwesen dort bestand den Funden zufolge aus einer eleganten Villa, um die herum Wein angebaut, Olivenöl produziert, sowie Pferde und Vieh gezüchtet wurden. Lorium war auch für Marcus Aurelius und Lucius Verus ein wichtiger Rückzugsort vom geschäftigen und intriganten Treiben auf dem Palatin in Rom. Hier auf dem Land wurde Marcus Aurelius wohl von Antoninus Pius mit der Begeisterung für die stoische Philosophie angesteckt und von Lehrern wie dem berühmten Marcus Cornelius Fronto in Grammatik, Rhetorik und Rechtswissenschaft ausgebildet.

 

Das Gesetz 

Gut dokumentiert sind die umfangreichen Neuerungen in der Gesetzgebung durch Antoninus Pius zum Beispiel in den "Institutiones" des Gaius, die heute noch verlegt und studiert werden. Die allgegenwärtigen und wirtschaftlich unentbehrlichen Sklaven bekamen durch Pius’ Erlässe erstmals in der Antike per Gesetz das Lebensrecht zugestanden. Das grundlose Töten eines Sklaven durch seinen Besitzer wurde auf die gleiche Stufe mit dem Mord an einem freien Bürger gestellt. Dazu erhielten Millionen von Menschen, die juristisch und faktisch über Jahrhunderte hinweg mit dem Hausrat gleichgesetzt waren, besseren Schutz für ihre Gesundheit. Übermäßig grausame Behandlung wurde mit der Enteignung des Sklavenhalters bestraft. All dies geschah allerdings eher nicht, um die Nächstenliebe zwischen den römischen Bürgern und ihren Abhängigen zu fördern, sondern aus praktischen und finanziellen Erwägungen. Sklaven brachten beim Verkauf Steuereinnahmen in Höhe von vier Prozent des Preises, durch sie floss zudem reichlich Gewerbesteuer in die Staatskasse, die nicht zuletzt von den zahlreichen, bei den lokalen Behörden registrierten, steuerpflichtigen Prostituierten beiderlei Geschlechts erwirtschaftet wurde.

 

Die Spiele

Zur Unterhaltung der römischen Massen dienten Wagenrennen, Tier- und Gladiatorenkämpfe, sowie  Bühnentheater im erweiterten Sinn. In der Kaiserzeit verlor die anspruchsvolle griechische Tragödie schnell an Popularität. Die Masken der Darsteller wurden als fremd und altmodisch empfunden, von manchen sogar als abstoßend. Um weiter konkurrenzfähig zu bleiben, setzte die Tragödie auf immer prächtigere und aufwändigere Ausstattung. Pferde und Karren, auch ganze Schiffe wurden auf die Bühne gebracht. Dennoch verschwand die klassische Tragödie in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts fast vollständig aus den Theatern, es war das Ende der Ludi Graeci. Die Ludi Romani, vor allem der Mimus, setzten sich weiter durch. Die „Kömödie im römischen Gewand (fabula togata)“ blieb durch die folgenden Zeiten beliebt, vor allem die Stücke des Autors Plautus. Um dem Auge des Zuschauers noch mehr Reize zu bieten, entstand auch eine frühe Form des – oft nackten – Tanztheaters und der bis heute lebendige Pantomimus.

 

Die Rechte der Frauen

Frei geborene römische Frauen genossen in der hohen Kaiserzeit einige Privilegien und Unabhängigkeit, entsprechend ihrem sozialen Rang. Doch ihre Hauptaufgabe war die Aufsicht über das Haus. Die Römerin war für die Organisation des Haushalts, die Zusammenstellung des Essens, die Überwachung der Sklaven, sowie die Aufzucht der Kinder verantwortlich, soweit dafür keine, oft verskalvte, Amme zuständig war. Doch es gab Ausnahmen von dieser umfassenden, aber starren Rolle, denn Sklaven und Bedienstete konnten so gut wie alle Aufgaben wohlhabender Frauen übernehmen, also blieb ihnen Zeit. Bekannt wurden die fast modern anmutenden Freiheiten der mächtigen Frauen im Umkreis des kaiserlichen Hofs.

Mädchen waren immer abhängig vom pater familias. Der Familienvater konnte sie verloben und vermählen, wann und mit wem er wollte. Mit der Heirat tauschte die Frau dann die Abhängigkeit von ihrem Vater durch die Abhängigkeit vom Ehemann aus.

Politisch existierten Frauen offiziell nicht. Sie durfte weder wählen, noch an Versammlungen teilnehmen, noch konnten sie politische oder öffentliche Ämter wahrnehmen.  Doch ist anzunehmen, dass sie ihre Ehemänner in den entsprechenden Positionen beinflussten. Beruflich waren Frauen als Heilerinnen und Geburtshelferinnen erfolgreich, aber auch Händlerinnen und Juristinnen kamen in der Kaiserzeit zu Ansehen und Reichtum. Von echter Unabhängigkeit zu sprechen wäre jedoch sicher falsch.

Der Glaube

„Seine Gottesfurcht, die weit entfernt war von jeder Art von Aberglauben, verleiht seiner Frömmigkeit den Charakter einer erleuchteten Religion.“ [...] „Freilich sehen wir auch andererseits vielfach den neuerwachten Glauben zu krassem Aberglauben, Wundersucht, Frömmelei und Schwärmerei ausarten.“
(Willy Hüttl in: Antoninus Pius, Seiten 177 & 181, Prag 1936)

 Früh in seiner Regierungszeit bekam Antoninus vom Senat den Beinamen Pius verliehen: der Fromme. Er wahrte und belebte die altrömischen religiösen Bräuche und Traditionen. Doch im zweiten Jahrhundert bekam die mit dem offiziellen Kaiserkult untrennbar verbundene  Götterwelt immer stärker Konkurrenz aus dem Osten. Die Kulte der ägyptischen Isis, der „großen Mutter“ Kybele, des persischen Mithras, und des Jesus Christus zogen die Bürger Roms wegen ihrer mystischen Tiefe und der Verheißung der Möglichkeit eines angenehmen Lebens nach dem Tod an. Die diffus-grauen Vorstellungen der altrömischen Religion vom Totenreich wurde immer unattraktiver im Vergleich zu den neuen Kulten, auch wenn ihre Anhänger oft verfolgt wurden und die Riten im Verborgenen vollziehen mussten. Das Beharren der Christen auf der Existenz nur eines Gotts galt bis zur Herrschaft Konstantins im vierten Jahrhundert mit der staatstragenden Verehrung der gottgleichen Kaiser unvereinbar. Zur Regierungszeit von Antoninus Pius hatten die Christen eine Zeit relativer Ruhe, erst unter Marcus Aurelius kam es wieder zu starken Verfolgungen, hauptsächlich aus machtpolitischen Gründen.

Auch okkulte Todesriten, wie die des ursprünglich thrakischen Orphismus, lebten zu Pius’ Zeiten auf. Zeugnis davon geben in die Hohe Kaiserzeit datierte Grabmale am Kanal von Portus, die heute im Stadtgebiet von Fiumicino gelegen sind. So feierten die Bacchanten wohl weiterhin ihre seit Jahrhunderten offiziell verbotenen, von Wein, Haschisch und Opium berauschten dionysischen Orgien, die mutmaßlich in den Wandgemälden der Mysterienvilla bei Pompeji dargestellt werden.

 

Verschwörungen

„Fronto erwähnte das Banditentum, wovon es zu verschiedenen Zeiten mehr als genug gab, wenn wir das Wort wie die Römer verwenden – also auch jede Revolte gegen die Obrigkeit damit meinen.“
(Michael Grant in: The Antonines – The Roman Empire in Transition, Seite 148, London 1994)

Antoninus Pius hatte wie alle seine Vorgänger mit machthungrigen Neidern zu ringen, die ihm die Herrschaft streitig machen wollten. Durch die, mehr oder weniger zuverlässigen, römischen und griechischen Geschichtsschreiber sind uns heute die Komplotte des Attilus Tatianus und eines gewissen Priscianus im Jahr 145 (oder danach) bekannt. Attilus Tatianus drängte der Senat in den Selbstmord, Priscianus wurde verbannt oder zum Tod verurteilt. Auf Geheiß des Kaisers wurde in keinem Fall nach den Komplizen gefahndet (wie im Vorwort erwähnt). Im Dunkel der Geschichte bleibt auch, wie Pius mit weiteren Konkurrenten um die Macht verfuhr, er hinterließ keine Memoiren oder sogar philosophische Selbstbetrachtungen wie Marus Aurelius. Die Aufzeichnungen zu seiner Regierungszeit und spätere Kaiserbiografien sind voller Lücken und bleiben bei Hinweisen auf Verschwörungen mehr als vage.

In jedem Fall konnte sich Antoninus Pius auf ein gut ausgebautes Spionagenetzwerk in Rom und in den Provinzen stützen. Trajan hatte die Frumentarii zu seinen Informanten gemacht. Ein Frumentarius war ursprünglich für die Beschaffung von Verpflegung (frumentum – Getreide) für seine Legion zuständig. So kam er in Kontakt mit der Bevölkerung der eroberten Provinzen und der Grenzbereiche, konnte dort Stimmungen aufschnappen, Fragen stellen, im Ernstfall Aufstände voraussagen und die Stärke eines Gegners auskundschaften. Diese Agenten waren nicht nur über Land, sondern auch auf den Flüssen unterwegs. Ihre Kenntnisse bildeten zu Beginn des dritten Jahrhunderts unter Kaiser Caracalla die Grundlage für ein Verzeichnisse der Straßen und Schifffahrtswege des Imperiums (Itinerarium Antonini Augusti & Itinerarium Antonini Augusti maritinum), die in Teilen sicher schon früher entstanden sind.

Die Frumentarii setzten sich im 2. Jahrhundert aus Provinzbewohnern und römischen Bürgern zusammen. Ein Numerus (Zahl, Einheit, Schar) war auch in Rom in der Castra Peregrina stationiert. Eine solche Spezialeinheit umfasste unter Trajan um die 150 Männer, zur Zeit der Antonine wohl bis zur doppelten Anzahl. Ihre Aufgaben reichte von Botendiensten über Spionage bis hin zu Auftragsmorden im Namen des Kaiserhauses (nachgewiesen ab dem dritten Jahrhundert), was die Agenten den Bewohnern Roms nicht sympathischer machte. Die Frumentarii wurden unter Diokletian um das Jahr 300 n. Chr. durch die agentes in rebus ersetzt, deren Ruf allerdings von Beginn an nicht besser war.